Faszien und Bindegewebsarbeit

Hier stelle ich mit Freude nochmals meinen Freund und Rolfer Hans Flury vor:

Meine Frage an ihn:

Wir erleben momentan einen wahrhaftigen „Faszienhype“ – viele sprechen und schreiben vom Bindegewebe (selbst eine GEO-Nummer war diesem Thema gewidmet) – notabene über das Bindegewebe, von dem ich in meiner medizinischen Grundausbildung fast gar nichts hörte.
Die Leute kommen also zu mir und wollen von mir einen Rat, was für eine Sportart die „beste für Faszientraining“ sei – welches „Hilfsmittel“ und welche „Übungen“ für „Faszienarbeit“ geeignet sind (Stichwort: Blackroll, Spezialschuhe,…).
Meine Standartantwort ist dann: „Tun Sie das, was Ihnen Spass macht (das tun Sie nämlich höchstwahrscheinlich dann auch noch in einem Jahr…)!“
– und: „Was man auch tut, kann man auch mit den „Leitlinien der
Normal Function“, quasi „mit dem Bindegewebe im Fokus“ tun.“.

Was hast Du für „Standardantworten“ auf diese häufigen Fragen?! Und sprich etwas über Deine ´Leitlinien der Faszientechnik´.
herzlich, Thomas

Hans Flury:

Lieber Thomas

Ja, der Faszienhype! Der hat mich zuerst irritiert, geärgert sogar, aus Gründen, die unwichtig sind. Dann habe ich mir jedoch überlegt, dass solche unschuldigen Hypes vielleicht ganz belebend sind. Die Leute, die an die Faszienkongresse und -veranstaltungen strömen, die ihren Körper über die Blackroll gleiten lassen, scheinen begeistert zu sein. Und im Gegensatz zu den vielen harten Methoden, die dem gesellschaftlichen Zwang zur Selbstdisziplinierung und Selbstoptimierung zudienen, ist das Faszientraining doch eher menschenfreundlich, körperfreundlich jedenfalls.

Ja, da sind immer diese Fragen nach dem, was man tun könnte/ sollte/ müsste. Ich finde aber, Menschen sollten alles tun können, was sie möchten: Golf spielen, Klettern, Krafttraining, Laufen, Tanzen… Mich interessiert nur die Frage nach dem wie. Und meine monotone Antwort auf die Frage nach dem wie ist natürlich „Normal Function“. Das ist klar, präzise, eindeutig. Und es bedeutet das Maximum für die vier wichtigsten Anliegen des Rolfing: Balance, Support (gestützt werden), Länge im Körper, ökonomische Funktion.

Ich bitte die Klienten, eine typische Bewegung zu machen, und zeige dann, wie sie in Normal Function geschieht (!). Oft resultiert ein Aha-Erlebnis, manchmal entsteht eine gewisse Verwirrung, weil das so fremdartig ist, öfter höre ich ein „Aua“, weil jetzt ein maximaler Zug im ganzen Körper entsteht.

Du siehst, ich kann mit diesen diffusen Begriffen wie „Leitlinien der Faszientechnik“ oder „Bindegewebe im Fokus“ nichts anfangen. Weshalb obtus und vage sein, wenn du klar und eindeutig sein kannst?

Ich weiss nicht, ob du vielleicht mit „Faszientechnik“ den „fascial release“ meinst. Diese Methode scheint unterdessen bei den unterschiedlichsten Formen von Körpertherapie verbreitet zu sein, eine Bereicherung der therapeutischen Palette, sozusagen. Und warum nicht? Schliesslich hat wer heilt immer Recht.

Du weisst ja, dass mich Ida Rolfs Ideen noch immer faszinieren, und viele davon sind noch lange nicht konkretisiert. Das Ironische an diesem Faszienhype ist, dass es Ida Rolf nicht gross interessiert hat, was Faszien sind. Ihre Funktion hat sie interessiert. Dabei muss man unterscheiden: nicht wie Faszien an und für sich funktionieren, war ihr Anliegen, sondern welche Funktion sie für den Körper als Ganzes erfüllen. Das sind vor allem das Zusammenhalten (Container) und das Stützen (Support). Ideal funktioniert das in dem, was sie „normal structure“ nannte. Es ging ihr also um die Form des Körpers, das Umformen in Richtung normale Struktur. Faszien waren das Mittel zu diesem Zweck. Nun sind die Faszien selbst zum Zweck geworden, oder soll man sagen, Faszienarbeit dient jetzt auch anderen Zwecken? Das wäre ja auch nicht so schlecht!

Ich weiss nicht, ob ich deine Fragen beantwortet habe, aber Fragen sind ja so viel interessanter als Antworten.

Herzlich Hans

die Rolfingseite meiner Website:
www.dr-walser.ch/rolfing.htm

Strukturelle Bewegungslehre in Kürze: oekonomie_der_bewegung.pdf

Laufhaltung beim Joggen nach Rolfing-Art: laufhaltung.pdf

Haltungen in diversen Sportarten und Körperübungen: haltung_im_sport.htm

Was ist das Gleichgewicht: gleichgewicht.htm

Und hier noch von Wolf Wagner (auf englisch) eine Einführung der wichtigsten Fragen, die die Theorie der „Strukturellen Integration“ absteckt!

“ Falten gegen die Wand“ von Hans Flury: eine fast schon optimale Übung zum „integrierten Faszientraining“: falten_gegen_eine_wand.pdf .