Stabilität durch Länge (z.B. der hyperlaxen Schulter, etc.)

Hier stelle ich mit Freude meinen Gastreferenten Hans Flury vor: Arzt und Rolfer in Zürich, den ich als begnadeter Geist und „Psychoanarchist“, aber auch als Freund schätze.

Meine Frage an ihn:

Ich will über Deinen Begriff „Bodystocking“ sprechen, den Du im Zusammenhang mit der „Strukturellen Integration“ (Rolfing) gebrauchst (und nichts mit dem gleichnamigen Kleidungsstück zu tun hat! Du gebrauchst ihn als eine Art „Bindegewebscontainer“, in dem wir stecken.)
Zuerst mal treibt mich eine Deiner Erklärungen zum „Bodystocking“ um:
„Stabilität“ durch Muskelkräftigung vs. Stabilität durch Länge (beim Normal Function).
Dieses Thema enthält eine wesentliche Differenz zwischen der klassischen Orthopädie und der „Normalen“ Bewegung und Haltung in der „Strukturellen Integration“ (nach Ida Rolf):
Die Stabilität (zum Beispiel der Gelenke – am Beispiel der habituellen Schulterluxation oder einer hypermobilen, hyperlaxen Körperstruktur) wird ja in der „herkömmlichen“ Physiotherapie mit Muskeltraining und -kräftigung zu erreichen versucht. Man sieht dabei leider immer ein Verlust an Beweglichkeit, ja meist sogar eine Steifigkeit, die in einer unökonomischen Bewegung mündet.
Die SI propagiert „Stabilität durch Länge“, quasi durch die Schienung der Gelenke im Druck der elastischen Spannkraft des Bindegewebes, welches eine Folge der „Normalen Haltung und Bewegung“ ist – und mit grosser Ökonomie und geschmeidiger Beweglichkeit einhergeht.
Wie würdest Du es ausdrücken?!

Hans Flury:

Deine Beschreibung des „body stocking“ ist sehr präzise, was mich sehr freut. Denn üblicher ist es, solche Dinge zu mythologisieren, so dass etwas schnell vieles oder alles bedeuten kann, Oder es wird simplifiziert, vulgarisiert, bis es eigentlich falsch ist.

Angefangen hat die Sache vor 30 Jahren, denn ich erinnere mich, wie ich auf der Terrasse in Oggebbio sass und mir überlegte, wie bei einem Gelenk, z.B. dem Knie, die Kongruenz der Gelenkflächen (Stabilität) mit Beweglichkeit (Flexibilität) im Hinblick auf die massiv wirkenden Kräfte zu vereinbaren wäre. Ich nahm sogar zwei Stecken des Cheminéeholzes zu Hilfe, und dann hatte ich die Erleuchtung: Ich ziehe einen Gummischlauch über die zwei Stecken! Uind verbessere das Ganze, indem ich in den Zwischenraum eine Flüssigkeit injiziere. Der Schlauch wird vom Kontinuum von Knochenhaut und Gelenkkapsel gebildet und besteht aus gewobenen kollagenen Fasern. Es überzieht alle Knochen und stellt ein geschlossenes Schlauchsystem dar. Und wenn ich mir noch die Knochen wegdenke und sie durch Flüssigkeit ersetze, hätte ich vielleicht immer noch so etwas wie ein „Skelett“, nur ohne Knochen. Weil ich der Versuchung zur Ironie kaum widerstehen kann, nannte ich es für mich „the fascial skeleton“.

Diese Sicht ist gewöhnungsbedürftig, auch deshalb, weil sie einen entscheidenden Unterschied zwischen dem anatomischen und dem strukturellen Vorgehen markiert: die Anatomie geht von genau definierten Teilen aus, die zu einem Ganzen zusammengesetzt werden. Das ist ein „bottom-up“ Modell. Strukturell gehen wir vom Ganzen aus und behalten es immer im Auge, auch wenn wir zu Details gehen: das ist ein „top-down“ Modell.

Ich gestehe, ich war ziemlich stolz auf mich. Der Stolz schwand allerdings ziemlich schnell, als ich realisierte, dass dies genau Ida Rolfs Idee gewesen war: „the superficial fascia functions as a container“. „Inventare l’acqua calda“, sagen die Italiener, „to reinvent the wheel“ die Amerikaner. Jedenfalls liess sich daraus etwas machen. Es gibt diesen faszinierenden Satz von Lacan, glaube ich, „faire travailler Freud“. Also legte ich mir das Projekt so zurecht: Ida Rolf zum Arbeiten bringen. Der Titel ihres Faszienkapitels heisst z.B. „Fascia – the Organ of Support“. Aber wie genau soll das funktionieren? Oder dieser saloppe Ausdruck „When flexors flex, extensors extend“. Länger können die Extensoren nur werden, wenn eine Kraft dies bewirkt.

Da sind wir sehr weit weg von allem Bekannten, nämlich auf einem ganz anderen, neuen Gebiet, der strukturellen Integration eben. Das illustriere ich gern so: Ida Rolf behauptet, ohne Faszien wären wir ein „muscular pulp“, ein formloser Brei. Wenn ich jetzt einen Anatomen fragen würde, wie dieser Ausdruck etwas über unseren Körper erklären könnte, wäre er sicher ratlos. Halt eben deshalb, weil das nichts Anatomisches ist.

Und klar, ich kann der Versuchung nicht widerstehen, das immer weiter zu treiben und zu konkretisieren, denn vielleicht wird es nach all diesen Schwierigkeiten plötzlich wieder einfach. Da drängt sich mir Kleists Bemerkung auf („Ueber das Marionettentheater“), dass wir mit Sicherheit nicht zurück ins Paradies könnten, dass wir aber, wenn wir uns um die ganze Erde gekämpft hätten, vielleicht von hinten wieder hineinschlüpfen könnten. Einfach wird es dann mit Normal Function, nämlich wenn all diese zahlreichen verschiedenen Vorschläge kommen, wie wir uns bewegen sollten. Das kann man alles machen, wie es einem gefällt, am einfachsten aber ist es in Normal Function.